42018Apr

Sex und Macht

Was Sie noch nicht wussten über #Metoo und #Menicht, Sex und Sexismus, sexuelle und sexualisierte Gewalt, Messer und vermesserte Gewalt, Sex gegen Versorgung, Macht von Falschbeschuldigungen und Sex als stärkste Waffe der Frau.

Es ginge nicht um Sex, sondern um Macht. Dieser Satz ist zur Standard-Phrase jeder Debatte über Sexismus und Geschlechterverhältnisse, über #Metoo oder #Menicht verkommen. Egal ist dabei, ob wir über den Frauenanteil bei Vorstandsposten, Frauenparkplätze oder Annäherungsversuche reden. Alles ist neuerdings zur Machtfrage zwischen Mann und Frau hochstilisiert. Der ultimative Kampf. Die Schlacht um Mordor. Gebetsmühlenartig wird er immer wieder neu zitiert, so als könne er wahrer werden, wenn nur genug Menschen ihn aussprechen. Wort-Voodoo.

Nicht sexuelle, sondern sexualisierte Gewalt

Dicht gefolgt ist dies Mantra vom zweiten neuen Evergreen: All dies sei nicht sexuelle, sondern sexualisierte Gewalt. Sprachliche Spitzfindigkeiten, die jedes Gegenüber argumentativ an die Wand nageln soll. Denn auch diese Unterscheidung ist ja nicht mehr als eine Nebelkerze. Nach Durchsicht diverser, einschlägiger Meinungsbeiträge mächtig betroffen-empörter Geschlechtsgenossinnen meine ich, nun verstanden zu haben, was der Unterschied sein soll. Und lande wieder bei der Unterscheidung von Macht und Sex: Sexuelle Gewalt ist demnach also „nur“ einfach angewandte Gewalt während der Vergewaltigung. Wahlweise wird die Existenz von sexueller Gewalt aber gleich ganz geleugnet, weil sie in Wahrheit immer das andere sei: sexualisierte Gewalt. Diese aber sei der Machtmissbrauch während des Geschlechts- oder Bedrängungsaktes. Gewalt, die eben mit Mitteln der Sexualität ausgeübt wird. Sex als Waffe. Damit kennen wir Frauen uns auch aus, könnte man sagen, aber wir wollen nicht scherzen, denn die Lage ist ernst.

Rapeculture

Gewalt mit dem Messer muss demnach vermesserte Gewalt sein. Ganz groß im Kommen ist übrigens derzeit Macheten-Gewalt in Deutschland, das ist aber ein anderes Thema. Wir kennen auch verbale Gewalt durch Worte, diese kann bei einem missglückten Kompliment jedoch rapide in sexualisierte Gewalt umschlagen. Knifflig wird es bei psychischer Gewalt, beschreibt sie schließlich nicht das Mittel der Gewalt, sondern zur Abwechslung das Angriffsziel. Der falsche Satz zur falschen Zeit kann also theoretisch verbale, psychische und sexualisierte Gewalt gleichzeitig sein. Wer weiß das schon, und wen interessiert es überhaupt so genau? Die Katze beißt sich nämlich in den Schwanz. Wir sind wieder bei dem Argument angekommen, es ginge dem fiesen Typen also gar nicht um Sex, Begierde oder einfach um Annäherung, sondern um eine Machtdemonstration. Seht her, ich bin ein ganzer Kerl. Die Bandbreite ist durchaus weit aufgestellt: Unpassende Komplimente, ein Hinterherpfeifen auf dem Büro-Flur, der Griff an den Hintern und die handfeste Vergewaltigung stehen da auf einer Linie und sich gegenseitig in nichts nach. Damit sind wir beim dritten musthave jeder Sexismus-Debatte angelangt: Der Rapeculture. Der Vergewaltigungskultur in der wir selbstredend gefangen sind, jede Frau ein Hascherl, die sich in dieser bösen Umgebung zurechtfinden muss. Überleben muss! It is a man`s world. Wusste schon James Brown.

Der klassische Sexist übt demnach sexualisierte Gewalt aus, weil er sich daran aufgeilt, seine Macht auszuspielen, weil er warum auch immer am längeren Hebel sitzt und deswegen den großen Macker spielen kann. Warum leckt der Hund sich die Eier? Weil er es kann.

Ich wage zu bezweifeln, dass Harvey Weinstein je darüber nachdachte, ob er nun gerade sexuelle oder sexualisierte Gewalt ausübt. Am Ende wollte er einfach nur Sex. Die Frage des Weges zum Ziel entscheidet ja nicht zwangsläufig über die Motivation eines Mannes. Höchstens über seine Erfolgsrate.

Harvey Hefner Berlusconi

Um es also einfach auszudrücken: Der kleine Kai, der nichts zu bieten hat, weder blendendes Aussehen, noch Geld, keinen heißen Schlitten, geschweige denn einen Job, hat schlechte Karten bei den Ladies. Will er es dennoch, muss er vielleicht Gewalt anwenden, weil kein anderes Lockmittel zur Hand, der Druck aber groß. Kein Aphrodisiakum, das über seine fehlende, sexuelle Ausstrahlung hinwegtäuscht. Der Kai ist also paarungstechnisch eine arme Wurst. Wenn er zu roher Gewalt greift, ist das kein Machtmissbraucht, sondern eher eine Verzweiflungstat. Sein Weg, etwa zu erzwingen, was er freiwillig von einer Frau nicht bekommt. Sein Motiv ist Sex. Jetzt sofort.

Da hat es der verschlagene alte weiße Mann, nennen wir ihn fiktiv einmal Harvey Hefner Berlusconi natürlich einfacher. Zwar ist er auch nicht mit dem Körper von Adonis gesegnet, hat aber andere Lockstoffe zu bieten, die Überzeugungskraft  ausstrahlen und die Damen darüber hinwegsehen lassen, dass er eigentlich auch nur eine kleine Wurst ist, wie der Kai. Er hat nämlich Filmrollen, Ruhm, Geld, oder gar Macht zu verteilen. Er ist in der Lage, unmoralische Angebote zu machen, die sich der kleine Kai nicht leisten kann. Sein Motiv ist auch Sex. Jetzt sofort.

Am Ende wollen beide doch einfach nur eine Frau flachlegen, ihnen stehen nur ungleich verteilte Ressourcen zur Verfügung. Das kann man nun beklagen und sehr unfair finden. Die Unterscheidung ist aber nur, auf welche Art, mit welcher Methode sie es sich jeweils holen. Der eine hat es leicht, der andere schwer. Der eine kann aus finanziellen Mitteln schöpfen, der andere nicht. Männer, die mit allen Mitteln versuchen, Sex mit einer Frau zu bekommen, sind ja nicht von Gedanken getrieben: Ich möchte jetzt mal meine Macht demonstrieren. Sondern zunächst von dem viel simpleren Wunsch nach Geschlechtsverkehr. Triebgesteuert, banal, Sex. Er will es, er nimmt es sich. Der eine lockt mit einem Job, der andere droht mit einem Messer. Der dritte kauft Blumen. Der Film-Rollen-Typ hat es bloß einfacher im Vergleich zum Loser, weil immer wieder Frauen darauf freiwillig einsteigen, weil auch Frauen ja irgendwie nur Menschen sind.

Sex als Deal

Und wenn sie es doch nicht freiwillig tun, dann hat Harvey Hefner Berlusconi noch einen ultimativen Trumpf in der Tasche, den seine Geschlechtsgenossen nicht besitzen: Diejenigen, die ihn stützen, obwohl er ein Schwein ist und tatsächlich einer ist, der seine Machtspielchen mit Frauen genießt. Weil seine Freunde aber auch sein Geld, seinen Ruhm, seine Filmrollen und seine Macht haben wollen, halten sie die Klappe. Und deswegen hat Klein-Harvey keine Strafe zu befürchten. Das allerdings ist kein Fall für die Sexismus-Polizei, sondern für den Staatsanwalt.

Gib mir Sex und du bekommst was du willst. Ein Deal so alt wie die Menschheit. Ein Deal, den Frauen immer wieder eingehen mit Männern. Sah die feministische Bewegung nicht sogar die klassische Ehe unter genau diesem schlechten Stern? Frauen, die sich für Kost und Logis hergeben, kaufen lassen. Nutten. Ein Tauschgeschäft Sex gegen Versorgung eingehen, in dem sie sich bei Hausarbeiten erniedrigen lassen und dem Patriarchen hinterherräumen, der seine Macht mit dem Gehaltsscheck sichert, während er sein Weibchen vom Arbeitsmarkt fern hält? #Metoo werden da viele rufen! Merke übrigens: Die Hausfrau, die sich im Tausch für Sex versorgen lässt, ist selbst schuld. Das Starlet, das sich im Tausch für Sex eine Filmrolle geben lässt, wurde Opfer einer Machtdemonstration. Sexualisierte Gewalt!

Überzeugen – bestechen – verführen – bezahlen – erzwingen. Das Ausloten von Grenzen der Sexualität ist in der Erotik nahezu systemimmanent. Grenzüberschreitungen sind manchmal erfolgreich, manchmal nicht. Wer nicht wagt, gewinnt nie. Das ist übrigens nicht nur bei der Weihnachtsfeier im Büro, sondern auch in festen Beziehungen so.

Aber wenn wir schon über Macht und Sexualität reden, dann sollten wir auch der Macht der Frauen einen Augenblick gönnen. Die Macht von Falschbeschuldigungen lassen wir mal an der Seite stehen, die ist aber das perfideste Mittel, das sich zudem gerade mitten in der Hysterie rund ums Thema gemütlich etabliert. Nein, ich rede über die sexuelle Macht der Frau über den Mann. Warum knöpfen Frauen ihre Blusen auf? Weil es funktioniert. Gerade weil  sie körperlich unterlegen sind und immer bleiben werden im Vergleich zum Mann, haben Frauen schon immer zu anderen Mitteln gegriffen, um ihre Macht über Männer auf ihre Art zu sichern. Sex ist dabei die stärkste Waffe, die sie haben. Die gehütete Trumpfkarte. Warum wohl verhüllen manche Kulturen ihre Frauen? Warum tanzen sie so aufdringlich um die Jungfräulichkeit von Frauen? Weil sie diese Macht der Frauen in Wahrheit fürchten.


Von Birgit Kelle.

Der Artikel erschien erstmals auf Tichys Einblick.




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