92021Apr
#Gendergaga – Oder: Die Rückkehr von Gräfin Voldemort

#Gendergaga – Oder: Die Rückkehr von Gräfin Voldemort

Sagen Sie jetzt nichts! Schon gar nicht meinen Namen. Ich bin sicher, sobald in den gendersensiblen Fluren des Fachblattes „Journalist“, das aus emanzipatorischen Gründen neuerdings auch  „Journalistin“ heißt, der Name Birgit Kelle ausgesprochen wird, beginnt es Blut zu regnen, die Mächte der Finsternis rotten sich zusammen und das Auge von Mordor richtet seinen Blick unerbittlich mitten in die Abgründe der Redaktionsräume, um den Untergang des richtigen Haltungsjournalimus final einzuleiten.

Und so kann man verstehen, dass die aktuelle Kolumne über Floskeln im Journalismusbetrieb von Sebastian Pertsch und Udo Thile zwar den Buchtitel meines Bestsellers GENDERGAGA trägt, wir aber statt inhaltlicher Auseinandersetzung nur Geraune vernehmen, welch unmögliches Volk (darf man das noch sagen, oder ist das nicht auch schon schwierig rechts aufgeladen?) von Genderwahn, Gleichheitswahn, Gender-Politik oder eben Gendergaga redet, weil es offenbar nicht so empathisch und offen reagiert, wenn Anne Will und „Kolleg*innen“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vereint im kollektiven Schluckauf Gendersprache neu vertanzen. 

Doch zurück zur Kolumne, es folgt die Passage über die Gräfin Voldemort der Genderszene: Wir lernen, es sei auffällig, dass die oben aufgeführten stets negativ aufgeladenen Kampfbegriffe (ja, auch „Gender-Politik“ scheint jetzt ein negativ aufgeladener Kampfbegriff, am besten auch nicht mehr aussprechen!) häufig von „Protagonist:innen“ verbreitet würden, die für Medien schreiben, die sich „irgendwo“ zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus befänden. Der abwertende Begriff Gendergaga entstamme beispielsweise einem sechs Jahre alten Buch, das von einer Autorin aus eben jenem Spektrum veröffentlicht wurde.

Spüren Sie diesen kalten Hauch, der „irgendwo“ klamm Ihre Seele umhüllt, sprechen Sie nicht diesen Namen, dieser unaussprechlichen Autorin aus, deren Buchtitel hier besprochen wird: Birgit Kelle. 

GENDERGAGA ist übrigens ein großartiges Buch, in einem Anflug von Größenwahn könnte ich mich hinreißen lassen, es als eine Art Standardwerk zu bezeichnen, auch wenn ich es doch als Satire schrieb, die nun leider von der Realität überholt wurde. Gerade ist es in einer Neuauflage erschienen, weil es sich auch nach sechs Jahren immer noch so gut verkauft, dass mir erneut ein Verlag Geld gezahlt hat, um es nochmal herauszubringen zu dürfen und damit nicht genug lese ich Ihnen das alles ab Mitte April auch noch selbst vor, weil es jetzt erstmalig auch als Hörbuch erscheint! Sie müssen natürlich aufpassen, ich hafte nicht, sollte sich beim Zuhören der Himmel auftun und das Blut regnen und dann der teure Wohnzimmerteppich….Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

Die Kolumne! Wir sind noch nicht fertig. Es folgen noch ein paar Aufzählungen welche Radikalen lediglich diese blöde Genderkritik ebenfalls äußern: NPD (atmen die noch?), AfD (gähn!), CDU (schön wärs!) also die üblichen Radikalen und wir werden am Schluss brav mit der fachlichen Expertise der Bundeszentrale für politische Bildung belehrt, die in der Verbreitung dieser ganzen Gendergaga-Rhetorik eine „geschlechterpolitische Agenda der AfD“ wittert und man weiß dort: Die „Zerrbilder schüren bewusst Ängste“: Quod erat demonstrandum. Endlich sind alle Radikalen dieser Republik entlarvt. 

Es kommt also nicht darauf an, was jemand sagt, sondern wer es sagt. Ein Klassiker unter den Diskursverweigerern, hier mit einem weiteren Standardmove kombiniert: Genderkritik ist irgendwie rechts. Nun meine Herren, die Nazikeule schwingen, weil einem inhaltlich als Argument nichts einfällt, das ist zwar intellektuell niederschwellig, aber nun wirklich nicht neu. Ich kenne das spätestens seit meinen Streitgespräch für das Magazin IDEA über genau dieses Buch mit der damaligen Leiterin des Genderkompetenzzentrums der EKD und das ist über fünf Jahre her. Ich musste die Debatte damals wegen plötzlichem und massivem Niveauverlust abbrechen, nachem ihr größter Trumpf folgendermaßen lautete: Ich wüsste hoffentlich schon, dass meine Argumente gegen Gender eins zu eins im NPD Parteiprogramm stehen könnten. Amen Schwester! Und dass ich nah dran bin an der Personifizierung des Unaussprechlichen hatte sie ebenfalls schon vor Ihnen erkannt, immerhin brüllte sie mir noch auf dem Flur aufgeregt hinterher, ich sei „Eine ganz gefährliche Person“. Und zumindest damit hatte sie wohl ohne Zweifel recht.

Nun kannte ich bislang diese Kolumne in der „Journalistin“ nicht und auch die beiden Autoren, oder sind das jetzt Autor:innen? Ich lerne, sie stellen hier wohl regelmäßig Begriffe und Formulierungen vor, mit denen „KollegInnen“ besonders häufig daneben liegen.

Und da muss ich dann doch protestieren, denn mit Verlaub meine Herren, GENDERGAGA liegt nicht daneben, sondern mitten in der Wunde. Gendergaga ist genial, deswegen regen Sie sich ja noch sechs Jahre nach Erscheinen (erwähnte ich schon die Neuauflage, jetzt käuflich hier unter dem Link zu erwerben) immer noch über diese unfassbar geile Wortschöpfung auf. Ich hatte nie einen besseren Buchtitel (obwohl „Dann mach doch die Bluse zu“ auch nicht zu verachten und MUTTERTIER wahrscheinlich am ehrlichsten war und es aktuell bei NOCH NORMAL? für manche vermutlich auch Blut regnen wird), so einfach und selbsterklärend. Ich kann Ihnen versichern, selbst international versteht man ihn. Gender ist Gaga. Kurz, prägnant, #Hashtagtauglich. 

Und ich muss auch deswegen protestieren, weil Sie einleitend behaupten, dieser Begriff, wie auch die anderen, sei als Komposita als Okkasionalismus, also als „kurzfristig gebildetes Wort, auch Gelegenheitsbildung genannt“ entstanden. Mit Verlaub, im Schweiße meines Angesichtes, kurzfristig war da gar nichts. Ich weiß, wie hart ich damals um ihn kämpfen musste bei meinem Verlag. Monatelange Diskussionen mit Listen voller Gegenvorschläge, bis ich meinen Verlagsleiter (hallo Ralf!) dann doch überzeugen konnte, dass Gendergaga stehen bleibt. Ich hab nur gewonnen, weil seine ganze Abteilung keinen überzeugenden Gegenvorschlag zustande gebracht hatte. Und dann verkauft sich dies Ding doch tatsächlich wie geschnitten Brot. GENDERGAGA, selbst die BILD nutzt diesen Begriff inzwischen, kleine schiefbrüstige Femen-Aktivistinnen haben ihn sich schon auf die nackte Haut gemalt. Ein Begriff der als Buchtitel maximal den Nerv trifft.

Und nun kannte ich wie gesagt diese Floskelkolumne nicht und dachte, ich schaue mich ein bisschen um bei den Kollegen. Der Journalist der jetzt eine „in“ ist fragte ja bereits 2019 artig auf dem Titel: „Wie machen wir Sprache gerechter?“ Dem Chefredakteur war damals das Argument „Prägnanz und Lesbarkeit“, welches die Gegner der Gendersprache ins Feld führen, immerhin noch „nachvollziehbar“ (Gratulation!) aber es „überzeugte“ ihn leider nicht. Auch wenn bisher kein „Königinnenweg“ gefunden worden sei, welche Schreibweise zwischen „Journalist_innen“ und „Alle, die im Journalismus tätig sind“ richtig sei, wichtig sei ja, dass „Redaktionen versuchen und ausprobieren, gleichberechtigter zu formulieren“. Man mag spontan einwenden, möglicherweise wäre es noch wichtiger, die Nutzung des eigenen Denkvermögens ebenfalls ergebnisoffen zu versuchen, statt sich sein wichtigstes Handwerkszeug als Journalist – die Sprache – in einer Art beruflichem Offenbarungseid selbst mutwillig zu ruinieren. Aber ich bin ja bekanntlich nicht Profi, sondern nur eine radikale Unaussprechliche. Ich übertreibe aber wohl nicht, wenn ich formuliere, man (und sicher auch frau) ist im Thema Gender sagen wir mal nicht neutral aufgestellt in dieser Redaktion, und die Herren Kolumnisten Sebastian Pertsch und Udo Stiehl haben Ihre Wahl ebenfalls schon getroffen.

Nach kurzem googeln fand ich dann auch weitere Artikel des Kollegen Pertsch, wie etwa jenen zur Frage „Was Sie noch nicht über Twitter wussten“ im Netz, wo ich dann zum Thema Barrierefreiheit las: „Alle Menschen sollen an Ihrem Tweet teilhaben dürfen!“ Toll! Ich machte mich sofort freudig auf den Weg in mein digitales Wohnzimmer nur um bitter von dem Sebastian enttäuscht zu werden (Männer!). Alles leere Versprechungen, denn leider kann ich nicht an seinen Tweets teilhaben, weil er mich wohl längst geblockt hat. Sicher ist sicher, ich nehme an, das mit dem Blutregen ist auch im Netz eine echte Gefahr.

Sensible Sprache, barrierefrei, so wichtig! Auch Pertsch beherrscht das Genre offenbar mit Links, denn auch wenn er mit mir nicht sprechen will, tut er das offensichtlich durchaus gerne über andere. Beim NDR fand ich ihn als Experten für sensible Sprache. Achtsamkeit, sie ist ja so wichtig im Umgang mit anderen Menschen, vor allem als Journalist! Gut, dass sich ein Prachtexemplar der angewandten sprachlichen Sensibilität der Kritik an der Genderkritik angenommen hat. Wir können alle noch etwas von ihm lernen.

Die weiteren Tweets von Pertsch lasse ich im Folgenden einfach unkommentiert stehen. Sie sind ein bisschen wie mein Buchtitel GENDERGAGA: Selbsterklärend.