82018Mrz

Das Weibliche verschwindet

Heute ist Weltfrauentag. Viel wurde schon erreicht in Sachen Gleichstellung. Deshalb entdecken Feministinnen neue Gruppen, mit denen sie kämpfen wollen: Transmenschen, Schwule, Migranten. Unterdessen wird Weiblichkeit mehr und mehr entwertet.

Die Soldatinnen der British Royal Air Force sollen ab sofort bei Paraden keine Röcke mehr tragen dürfen. Es geht hier um repräsentative Anlässe, nicht um Kampfeinsätze. Es geht um eine offizielle Dienstkleidung, die explizit weiblich ist und von den Damen zudem auch noch gern getragen wird. Weil viele Frauen Röcke gern tragen. Und darin verdammt gut aussehen. Man könnte über diese Meldung hinwegsehen und sie einfach als Marotte der Inselbewohner abtun.

Nun ist der 8. März aber der alljährliche, internationale Frauentag. Gemeinhin gern genutzter Anlass, um die Ungerechtigkeiten, die gegen die Damenwelt gerichtet sind, lautstark anzuprangern. Die unvermeidliche Manuela Schwesig wird sicher zu uns sprechen. Es wird nichts Überraschendes werden. Irgendetwas mit „mehr Partnerschaftlichkeit“ und so. Irgendjemand wird auch mit Sicherheit den Gender Pay Gap aus der Kiste holen. Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau, je dramatischer hochgewürfelt, desto besser. Kein Frauentag ohne Gender Gap. Das hat Tradition.

Nun wissen wir alle: Im Vergleich zu vielen anderen Regionen der Erde leben wir in Europa im feministischen Auenland. Wir haben Gender- Beauftragte, ein Gleichstellungsgesetz, Nein heißt bei uns Nein, wir können unsere Männer verlassen, ohne dafür von unseren Brüdern umgebracht zu werden. Und wenn einer „süße Maus“ zu uns sagt, können wir ihn wegen böswilligem Sexismus öffentlich anprangern. Es ist ein Jammern auf hohem Niveau.

Kein Wunder also, dass sich auch die diensthabenden Frauenrechtlerinnen inzwischen mit neuen Opfergruppen zusammengeschlossen haben, um gegen die eigene Überflüssigkeit tapfer anzuarbeiten. Wer als Feministin etwas auf sich hält, setzt sich inzwischen nicht mehr nur für Frauen ein, sondern auch für Schwule, Lesben, Queere und Transmenschen, Migranten, People of Colour (das waren früher Schwarze) und natürlich die furchtbar vielen Geschlechter, von denen täglich mehr entdeckt werden. Diversity ist das neue „weiblich“, und genau da beginnt das Problem. Denn es ist gar nicht weiblich. Tatsächlich weicht echte Weiblichkeit auf zahlreichen Ebenen gerade Stück für Stück zurück.

Fast scheint es, als ob im gleichen Tempo, in dem die sogenannte Vielfalt der Geschlechter um Sichtbarkeit in der Gesellschaft kämpft, zeitgleich von gleicher Seite an der Unsichtbarkeit der ganz normalen Frau und ihrer natürlichen Weiblichkeit gearbeitet wird. Wie die Engländer, die den Damen gerade die Röcke aus und die Hosen anziehen.

Vermeintlich ein emanzipatorischer Akt, in der Begründung aber mit unangenehmem Nachgang: Die Damen sollen nämlich deswegen Hose tragen, damit sich Transgender-Soldaten nicht diskriminiert fühlen, wie die britische Zeitung „The Sun“ berichtet. Es sollen also Frauen nicht mehr wie Frauen aussehen und nicht in Frauenkleidern herumlaufen, weil sich eine Handvoll anderer nicht entscheiden will, ob sie Rock oder Hose trägt. Spontan stellte sich mir die Frage: Von wie vielen reden wir da? Bei der britischen Luftwaffe gibt es sowieso nur 14 Prozent Frauen. Der Anteil der Transsexuellen dürfte im Promillebereich liegen. Das reicht offenbar als Begründung, damit Frauen jetzt einheitlich die Männerkleidung tragen. Man könnte ja sonst weiblich und männlich explizit erkennen. Unterscheiden. Ja, es mag dem ein oder anderen kleinlich vorkommen, es geht aber um die Methode: Die optische Wahrnehmung expliziter Weiblichkeit wird zurückgedrängt, denn sie könnte womöglich diskriminieren. Was für ein absurder Vorwurf.

Die Entwertung der Weiblichkeit und ihr Verschwinden aus der öffentlichen Wahrnehmung scheint für manche Programm zu sein. Ich erinnere mich noch gut an die Bestrebungen einiger Damen im Gleichstellungsausschuss des Europarates, die schon vor Jahren allen Ernstes forderten, die EU solle darauf hinwirken, dass die Medien Frauen nicht mehr als Mütter und nicht mehr als Hausfrauen zeigen. Dieser Anblick sollte uns künftig erspart bleiben, weil er „sexistisch und stereotyp“ sei. Die Millionen Mütter und Hausfrauen der EU sollten also am besten von der Bildfläche verschwinden. Nicht mehr im Fernsehen, in den Zeitungen oder in Schulbüchern auftauchen. Als gäbe es solche Frauen nicht. Und das nennt sich dann Befreiung.

Gleiches tun übrigens gerade die Feministinnen, die bei Darstellungen von Frauen in typischen Hausarbeitsszenen in Schnappatmung verfallen oder alternativ leicht bekleidete Damen auf Werbeplakaten am liebsten alle persönlich mit den Nägeln runterkratzen möchten. Hübsche Frauen mit guter Figur, die das auch noch zeigen oder womöglich ihr Geld mit ihrer Schönheit verdienen, sind ebenfalls auf dem Index. Schön sein und das womöglich noch gerne ist ganz pfui. Man muss wissen: Frau folgt damit nämlich nur männlichen Schönheitsidealen. Wir müssen heute klug sein, dann dürfen wir auch schön sein. Aber nur dann.

Und um Himmels willen darf Frau sich bitte nicht für einen Mann schön machen. Das wäre ja Unterwerfung. Merke: Weibliche Schönheit darf objektiv nicht erkennbar sein, weil sie sich falscher Motivation verdächtig macht. Und so müssen die Sophia Thomallas dieser Welt damit leben, dass auch gestandene Berufsfeministinnen ihnen vor laufender Kamera Blödheit vorwerfen, nur weil sie erkennbar schön sind. Während jede übergewichtige Nachwuchsfeministin, die im Internet „I am beautiful“-Schilder hochhält, sich als kritische Intellektuelle feiern lassen darf, weil sie sich von patriarchal geprägten Schönheitsnormen

emanzipiert hat.

Stein des Anstoßes ist im Kern aber immer der gleiche: Alles, was wir mit typischer Weiblichkeit assoziieren, macht sich verdächtig. Dass Frauen schön sind, manchmal schwach, weich. Sexuell anziehend, begehrenswert. Dass sie Mütter sind, häuslich. Sorgend. Empfangend. All diese Begriffe, die feministischen Brechreiz auslösen, sind in Bildern nicht mehr gerne gesehen.

Kernkompetenz weiblich ist übrigens „Leben schenken“. Was für ein Machtpotenzial! Selbst die untalentierteste Frau kann immer noch schöpferisch sein, indem sie in ihrem Körper neues Leben schafft. Damit ist sie näher dran am Geheimnis des Lebens als jeder Mann. Der kann

zwar die Wachstumskurven unserer Kinder in unseren Bäuchen vermessen und definieren, damit aber niemals dies Geheimnis ergründen, das Frauen einfach fühlen dürfen, wenn sie sich darauf einlassen. Doch anstatt diese Kernkompetenz der Frauen zu schätzen oder gar zu verteidigen oder zu nutzen, hat man sich längst geeinigt, dass echte Weiblichkeit sich darin vollendet, dem Mann auf seinem Lebensweg, in Handlung, Ambition und Umsetzung zu folgen. Und den Protagonistinnen dieser Idee scheint nicht einmal aufzufallen, dass ihr Feminismus damit per se maskulin ist.

Die moderne weibliche Welt ist immer nur dann in Ordnung, solange Frau an ihrer Optimierung zum besseren Mann arbeitet. „Immer noch weniger/mehr als …“. Es ist der Standardsatz, praktisch anwendbar für jeden Vergleich mit dem Mann, und er darf an keinem Weltfrauentag fehlen. Immer noch weniger Verdienst als. Immer noch mehr Hausarbeit als. Immer noch mehr Teilzeit als. Immer noch weniger Führungspositionen als. Und wie auf Knopfdruck kam pünktlich zum Weltfrauentag auch die OECD um die Ecke mit ihrer Mahnung, man müsse mehr tun, damit Frauen mehr erwerbstätig sind.

Ja, schlimm, immer noch haben wir mehr Familienstunden als der Mann. Ein echter Skandal. Jetzt müssen wir nur noch die Herzinfarktrate bei Frauen erhöhen. Da haben wir zwar schon Fortschritte gemacht, seit wir uns männlichen Lebenswegen anpassen, es sterben aber immer noch zu wenige Frauen, um es den Männern gleichzutun. Ironie off.

Und dann bahnt sich die Entwertung der Weiblichkeit auch noch ganz neue Bahnen in unser Bewusstsein. Dort nämlich, wo man es auf den ersten Blick nicht vermutet, weil es augenscheinlich um anderes geht. Im Ergebnis erklärt man Frau aber für überflüssig.

Betrachten wir beispielsweise die Debatte um das Adoptionsrecht für Homosexuelle, das gerade wieder mal als Wahlkampfthema durchs Dorf getrieben wird. Gibt es eine perfidere Art, ureigene Weiblichkeit, nämlich Mutterschaft, für nichtig zu erklären, als mit der Behauptung, sie sei jederzeit durch einen Mann, oder zwei, oder egal durch wen ersetzbar? Und wieso regt das eigentlich niemanden auf? Gibt es eine perfidere Art, Frauen zu seelenlosen Hüllen zu machen, als ihre Bäuche als Brutkästen zu benutzen, die faktische Mutter aber nicht sehen und anerkennen zu wollen?

„Elton John und sein Lebensgefährte werden Eltern.“ Was stimmt nicht an diesem Satz? Richtig: Die Mutter fehlt. Die Frau, die das Kind neun Monate in ihrem Bauch getragen hat. Die biologische „conditio sine qua non“, die man einfach aus dem Bild geschoben hat, damit zwei Männer besser um das Kind gruppiert werden können. Warum protestiert das feministische Lager nicht dagegen? Die Antwort ist einfach, weil doch die lesbischen Schwestern und die hübschen Promis das Fremdgebärenlassen gegen Geld inzwischen auch gern nutzen. Und man ja auch solidarisch sein muss mit den anderen Opfergruppen. Eine urweibliche Macht – die Weitergabe von Leben – nur noch eine Serviceleistung. Käuflich, ausnutzbar. Niemand protestiert am Weltfrauentag gegen diese Entwertung. Oder muss man fast sagen: Entwürdigung?

Niemals war es deutlicher als bei diesem Thema. Ich bin als Frau nicht in der gleichen Opfergruppe wie schwule Männer. Ich kann mit dem Vielfaltgequatsche nichts anfangen, weil es gar nicht meine Weiblichkeit vertritt, sondern die Interessen derjenigen, die wechselhaft am lautesten im Pool der Opfergruppen schreien. Warum muss ich als Frau für Unisextoiletten kämpfen, um politisch korrekt emanzipiert zu sein? Ich hab gar keine Lust, die Interessen von Männern in Frauenkleidung zu vertreten, die meine Umkleidekabine nutzen wollen, und auch nicht die von lesbischen Paaren, die sich von anderen Frauen Kinder austragen lassen, um sie ihnen abzukaufen.

Mich ermüden die Diskussionen darüber, ob man als Frau denn nun sein Geld einfach nur mit seinem guten Aussehen verdienen darf, oder ob man denn tatsächlich als „Nur-Hausfrau und Mutter“ glücklich sein kann. Warum sollte man das nicht dürfen und können? Mir reicht ein Blick auf Frauen wie Judith Butler, um zu wissen, dass ihr offensichtliches Problem mit Weiblichkeit weder die Lösung für mich, noch für Milliarden von Frauen ist, sondern eher das Problem. Wir brauchen endlich einen weiblichen Feminismus.

Ich wäre ja bereit, das feministische Lager zu wechseln, wenn es auf diesem Diversity-Gender- Weg auch nur den Hauch einer Chance gäbe für die Befreiung der Frau. Er führt aber nicht zu einer unabhängigen Weiblichkeit, sondern zur Verleugnung derselben. Zur Unterordnung unter andere Interessen. Oh ja, wir Frauen könnten tatsächlich die Welt regieren. Wenn wir nur endlich zur weiblichen Stärke zurückfinden würden.

Von Birgit Kelle.

Dieser Text erschien erstmals am 8. März 2017 in der “Welt”.



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