92015Dez
Offener Brief an STERN-Experten Prof. Rößner

Offener Brief an STERN-Experten Prof. Rößner

Interview-Veit-Roessner-Juli-2015-ausschnitt Manchmal fasst man es nicht, was Ärzte so von sich geben. Heute haben wir Prof. Rößner für Sie, der im Interview mit dem Magazin der STERN allen Ernstes zum Einstieg die Empfehlung von sich gab, Kinder in eine Krippe zu schicken, damit sie psychisch stark werden. Mal davon abgesehen, dass der Umkehrschluss doch wohl nur heißen kann, dass Kinder dann wohl psychisch nicht gesund groß werden, wenn sie bei ihren Eltern bleiben, statt in den „Genuß“ frühkindlicher Betreuung zu kommen, ist das, was Prof. Rößner hier empfiehlt auch wissenschaftlich hoch umstritten. Deswegen veröffentlichen wir hier einen offenen Brief mit ein paar Fakten, geschrieben von Dr. Dorothea Böhm, stellv. Vorsitzende von Frau 2000plus e.V.:

Sehr geehrter Herr Professor Rößner,

Sie haben im Juli 2015 im STERN ein Interview (als JPG angehängt) mit der Empfehlung begonnen, dass Eltern ihr Kind zur Stärkung „am besten in eine Krippe schicken“. Ein früher Betreuungsbeginn erhalte „Kinderseelen gesund und stabil“. Die Dresdner Studie, auf die sie sich beziehen, ist technisch angemessen durchgeführt und wertet eine große Zahl Kinder aus mit offenbar weitgehend repräsentativer Zusammensetzung der Stichprobe.
Ihre eingangs zitierte Empfehlung an Eltern ist allerdings in dieser Form nicht vertretbar, wenn man die folgenden Limitierungen Ihrer Studie sowie die internationale Datenlage zur frühen Betreuung berücksichtigt:
• Der Ansatz der Dresdner Studie ist querschnittlich-retrospektiv. Auswirkungen jenseits des Vorschulalters sind nicht beurteilbar.
• Die Studie stützt sich zur Beurteilung der seelischen Verfassung der Kinder ausschließlich auf Befragung der Eltern Es ist jedoch bekannt, dass Verhaltensauffälligkeiten in Gruppenkontexten oft deutlicher hervortreten, den geschulten PädagogInnen auch stärker auffallen.
• Es wird nur ein einziges Messverfahren eingesetzt (SDQ), ein zwar etablierter Score, aber dennoch lediglich ein Screeningverfahren.
• zu Art, Dauer und Qualität der Betreuung wird nicht Stellung genommen, obwohl erwiesen ist, dass sie bedeutsame Einflussfaktoren darstellen.
• Der Entwicklungsstand der Kinder wurde nicht differenziert, obwohl bekannt ist, dass entwicklungsverzögerte, chronisch kranke oder stark dysregulierte Kinder oft deutlich später in außerfamiliäre Betreuung kommen. Gleichzeitig sind es genau diese Kinder, die mehr Verhaltensauffälligkeiten zeigen.
• Es fehlt die Bezugnahme und Einordnung der Ergebnisse aus Dresden hinsichtlich des internationalen wissenschaftlichen Forschungsstands. Dies ist ein gravierendes Versäumnis, denn: die meisten aufgeführten Korrelationen mit Verhaltensauffälligkeiten stimmen zwar mit der allgemeinen Datenlage überein (Negativer Entwicklungseinfluss von: Männlichem Geschlecht, niedrigem Bildungsstand der Eltern, Familienstand alleinerziehend, Frühgeburtlichkeit), aber: Das Alter bei Beginn außerfamiliärer Betreuung zeigt in der Dresdner Studie scheinbar einen reziproken Effekt zu haben, etwas salopp ausgedrückt: „Je früher aus der Familie raus, desto gesünder“ (siehe Betreff).

Internationale Datenlage
• Die bisher weltweit umfassendste Studie zur U3-Betreuung, die NICHD-Studie aus den USA – prospektiv, längsschnittlich und mit einem wesentlich ausführlicheren Instrumentarium und umfangreicherer multivariater Analyse durchgeführt – kommt zur gegenteiligen Empfehlung, nämlich aufgrund beobachteter Verhaltensauffälligkeiten die außerfamiliären U3-Betreuungszeiten so kurz wie möglich zu halten.
• Auch Meta-Analysen (z.B. Jacob 2009) sowie die einzige quasi-experimentelle Studie im Großmaßstab („Canada’s Universal Childcare Hurt Children and Families”) zeigen ungünstige Auswirkungen auf die nicht-kognitive Entwicklung der Kinder
• Die bedenklichen Resultate zahlreicher Untersuchungen zur Stressbelastung in früher außerfamiliärer Gruppenbetreuung halten Sie offenbar für keiner Erwähnung wert. (Vermeer 2006, Bernard 2015).

Mit Dank und freundlichen Grüßen,

Dorothea Böhm

Quellen:
• (0) Determinanten der psychischen Gesundheit im Einschulungsalter – Ergebnisse einer populationsbezogenen Untersuchung in Dresden. Schmitt et al, in: Kinder- und Jugendarzt, 46. Jh (2015) Nr. 6 (312-324) http://www.kinder-undjugendarzt.de/download/46.%20(64.)%20Jahrgang%202015/KJA%206-2015%20Web.pdf
• NICHD Early Childcare Research Network (2006): Child Care E¬ffect Sizes for the NICHD Study of Early Child Care and Youth Development. American Psychologist 61, 99–116 (S.114)
• Jacob J (2009): The Socio-Emotional Eff¬ects of Non-Maternal Childcare on Children in the USA: A Critical Review of Recent Studies. Early Child Dev and Care, 179 (5), 559–70
• Vermeer HJ, van Ijzendoorn (2006): Children´s elevated cortisol levels at day-care: A review and meta-analysis. Early Childhood Research Quarterly 21, 390–401
• Bernard K et al. (2015): Examining Change in Cortisol Patterns During the 10-Week Transition to a New Child-Care Setting. Child Development 86, 456-71
• Baker M, Gruber J, Milligan K (2008): Universal Child Care, Maternal Labor Supply, and Family Well‐Being. Journal of Political Economy, 116, 709-45
• Canada’s Universal Childcare Hurt Children and Families – „Children’s outcomes have worsened since the program was introduced along a variety of behavioral and health dimensions. “ http://www.nber.org/digest/jun06/w11832.html
Weitere Links:
• Themenbezogene Studien und Originalartikel http://www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de
• FRÜHKINDLICHER STRESS IN DER FREMDBETREUUNG – UND SEINE LANGFRISTIGEN FOLGEN http://www.fuerkinder.org/kinder-brauchen-bindung/experten-meinen/404-fruehkindlicher-stress-in-der-fremdbetreuung-und-seine-langfristigen-folgen
• Immer Stress mit der Krippe http://www.spektrum.de/news/immer-stress-mit-der-krippe/1190475
• Studie: Stress in der Krippe http://www.fr-online.de/wissenschaft/studie-stress-in-der-krippe,1472788,4712362.html




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