282011Feb

Feindbild glückliche Mutter

Ich weiß noch genau, wann ich mein Kind das erste Mal im Bauch gespürt habe. Es war wie das leichte Schlagen eines Schmetterlingsflügels. Nicht mehr. Leicht und kaum bemerkbar. Mir wurde heiß und kalt und ich wusste: Das ist Leben in mir. Mutter sein. Ich kann nicht in Worte fassen, welche Glücksgefühle das auslösen kann. Mütter wissen, was ich meine.

Animalisch, instinktiv. Wer Kinder zur Welt bringt, handelt nicht rational. Es ist ein Trieb, eine Leidenschaft, die man mit nichts Anderem erzeugen kann. Es verändert die Menschen, ihr Verhalten, ihre Wünsche. Wir respektieren, dass man in der Tierwelt ein Muttertier in Ruhe lässt. Man fasst ihre Jungen nicht an und tut man es doch, sollte man schnell das Weite suchen, denn der Beschützerinstinkt der Mutter ist gewaltig, explosiv. Auch der Mensch ist ein Tier. Wir stellen uns vor unsere Kinder, wir sorgen für sie, wir verteidigen sie. Und fast jeder kennt das aus eigener Erfahrung, dass man selbst im fortgeschrittenen Alter immer noch das Kind seiner Eltern bleibt. Das ist auch nicht rational. Man braucht es nicht mehr und trotzdem lässt es einen nicht los.

Mama, es ist ein Wort wie gemalt. Mama, fast immer das erste Wort, das ein Mensch deutlich aussprechen kann. Es tut mir wirklich leid, liebe Väter! Mama, das ist Zuhause, das ist Apfelkuchen, das sind Pflaster auf aufgeschlagene Knie und zerbrochene Herzen. Mama. Geliebt, verehrt, schwierig, nervenaufreibend – aber letztendlich immer Mama. Wir können uns kaum lösen, eine ganze Zunft von Psychologen beschäftigt sich inzwischen mit Eltern-Kind-Beziehungen. Die Verbindung ist nicht frei gewählt, sie ist nicht ausgesucht, sie ist nicht austauschbar, sie ist. Ob man will oder nicht. Man kann sich kaum eine engere Symbiose zwischen zwei Menschen vorstellen. Herangewachsen in einem anderen Körper. Leben in mir, das ich weiter gebe. Da sieht Patchwork ganz schön alt aus.

Dennoch ist kein Dasein in Deutschland umstrittener, umkämpfter und so emotional diskutiert wie das Werden und Leben als Mutter. Die Erwartungen, die Hoffungen, die Enttäuschungen tangieren oft die Grundfesten unseres Seins. Es ist eine Bastion, die von einer Hälfte der Menschheit geboten, von Feministinnen bekämpft und von Vielen auch beneidet wird. Quelle für unendliches Glück und großes Unglück – aber letztendlich immer voller Emotionen. Warum ist das so?

Wir leben in einer Zeit, in der das Muttersein keine Selbstverständlichkeit mehr für Frauen ist. Oder scheint es nur so, weil das Thema meist in den Feuilletons und nicht in den Wohnküchen besprochen wird? Hunderte von Generationen vor uns haben das Muttersein als Schicksal angenommen. Erst seit wir die Wahl haben, Mutter zu sein oder nicht, stellen sich die Sinnfragen. Soll ich Mutter werden? Wäre ich eine gute Mutter? Wann soll ich Mutter werden? Bin ich eine gute Mutter? Rabenmütter. Glucken. Übermütter. Supermutti. Die Begriffe geistern durch die Presse und zeigen zumindest eines: Es gibt Gesprächsbedarf.

Angeheizt durch die Fakten des demographischen Wandels und die stagnierenden Geburtenraten in Deutschland ist die Frage nach Kindern und dem zwangsläufig damit verbundenen Dasein der Frauen als Mütter zum Politikum geworden. Mein Bauch gehört mir. Es ist ein politischer Sprengsatz. Wer kennt ihn nicht? Ob ich als Frau meinen Bauch zur Verfügung stelle, um Nachwuchs auf die Welt zu bekommen, ist schon lange keine private Angelegenheit mehr. Inzwischen will auch der Staat meinen Bauch. Er ist potentielle Brutstätte. Da ist es wieder, das Animalische, das wir kaum unter Kontrolle bekommen. Gott sei Dank würde ich sagen. Man stelle sich eine Menschheit vor, deren Wachsen und Überleben tatsächlich vom Willen und der Meinung der jeweiligen politischen Klasse abhängig wäre.

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin gerne Mutter. Ich liebe mein verwüstetes Wohnzimmer, den Redeschwall meiner Ältesten, wenn sie aus der Schule kommt und die Tasche in den Flur schmeißt. Ich genieße die chaotischen Mahlzeiten mit vier und manchmal mehr Kindern um den Tisch. Ich kann mich über umgekippte Milchgläser und unaufgeräumte Zimmer gar nicht mehr aufregen. Dafür bekomme ich selbstgemalte surreale Bilder, manchmal direkt auf die Wand. Seltsame selbstgebaute Legokonstruktionen, stolze Schulhefte, maulige helfende Hände aber vor allem: Liebe. Ich lese wenig von Liebe, wenn es um Kinder und Mütter geht. Ich lese von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Karriere, Kindergeld, Rentenansprüchen, darüber was Kinder kosten, wie viel Arbeit sie machen, woran sie uns hindern. Ich lese von Lärmbelästigung durch Kindergärten, von schwer erziehbaren Kindern, von überforderten Eltern, von vernachlässigten Kindern – aber nichts von Liebe.
Ich gebe zu: Glücksgefühle lassen sich schwer in ökonomische Berechnungen einbauen. Wenn aber die Misere der deutschen Familienpolitik eines zeigt, dann ist es dies: Mit mehr Geld bekommt man nicht mehr Kinder. Es sind ganz andere Faktoren, die wirklich eine Rolle spielen, wenn Frauen Kinder bekommen.

Und die Frage ist: Machen wir es den Müttern heute nicht unnötig schwer? Wo sind nur die Zeiten geblieben, in denen Frau einfach „Guter Hoffnung“ sein durfte, wenn ein Kind unterwegs war? Guter Hoffnung – das ist lange vorbei. Zu groß sind die Erwartungen an das meist einzige Kind. Und an die Mutter. Jede nur erdenkliche medizinische Vorsorge ist nicht nur Anspruch, sondern inzwischen Pflicht für Schwangere. Man erwartet, dass sie ihren Bauch mit Beethoven beschallen und am besten schon mal chinesisch Vorsingen, man will ja keine Chance ungenutzt verstreichen lassen. Schwangere sind nicht mehr „Guter Hoffnung“ sie sind oft im Stress. Die aktuelle Milupa-Studie bestätigt, dass sich Mütter oft machtlos fühlen zwischen dem eigenen Anspruch – oder ist es doch die gesellschaftliche Forderung ? – und der Realität.

Ist ja auch kein Wunder, könnte man sagen. Frau muss inzwischen eben nicht nur als Hausfrau perfekt sein. Auch die Kinder müssen zu Genies herangezogen werden, der Mann soll glücklich sein und die Karriere stimmen. Ach ja – wir sollen dabei auch noch wahnsinnig gut aussehen. Früher reichte auch mal einer der Faktoren. Heute ist man als Frau für manche nur halber Mensch, wenn man diese Doppel- oder auch Dreifachbelastungen nicht auf sich nimmt. Dazu werden uns in den Medien Frauen präsentiert, die das alles anscheinend spielend hinbekommen. Moderatorinnen wie Sandra Maischberger, die sechs Wochen nach der Geburt wieder auf Sendung gehen. Familienministerinnen wie ehemals Frau von der Leyen, die nebenbei sieben Kinder großziehen. Politikerinnen, die kess bekennen, Rabenmütter zu sein und immer mal wieder gestylte Hochglanzmuttis zwischen Drehset und Shoppingstress. Was soll uns Otto-Normal-Müttern das sagen? Na geht doch! Stell dich nicht so an mit dem bisschen Haushalt, den paar Kindern und dem Job. Die anderen können das doch auch! Mit der normalen Frau in Deutschland hat das alles herzlich wenig zu tun. Für diese müssen wir aber Politik machen. Und all diese fühlen sich durch diese “leuchtenden” Beispiele überfordert und glauben, der Fehler liege einfach nur bei Ihnen selbst.

Eine befreundete Mutter von vier Kindern erzählt mir von ihrem ersten Arbeitstag in der alten Firma nach 20 Jahren Kinderpause. Man habe sie bedauert, dass sie 20 Jahre zu Hause habe sein müssen. „Und ich dachte nur: Ihr habt 20 Jahre in diesem Kasten verbracht. Wer ist hier zu bedauern?“ Ausgesprochen hat sie es aber vor den Kolleginnen nicht. Der Druck, zumindest Beides wollen zu müssen, Kinder und Beruf, ist groß. Da haben Frau Schwarzer und ihre GenossInnen ganze Arbeit geleistet.

Und dennoch, trotz jahrelangem Kampf gibt es sie immer noch: Die glückliche Mutter. Und damit sind wir auch gleich beim Problem der Altfeministinnen. Frauen, die damit glücklich sind „einfach nur“ Kinder zu bekommen, den Haushalt zu führen, dem Mann den Rücken frei zu halten. Frauen, die es zu Tausenden gibt. Etwas was nicht sein darf in den Augen derer, die sich ganz nach Simone de Beauvoir von der Last der Mutterschaft befreien wollten. Die Kinder als Fesseln begreifen. Mutterschaft als Abhängigkeit, als Unfreiheit. Von diesen Frauen lesen wir in den Feuilletons. Nicht von denen, die gerade Mittagessen kochen. Diese Frauen – meist selbst kinderlos und das bewusst – bestimmen das Selbstbild der Frau in den Medien und gaukeln der Mehrheit eine gestylte Familienwelt vor, die es in der breiten Masse nicht gibt. Eine Realität, die bei den meisten schon am Geldbeutel scheitern würde. Und auch die derzeitige Familien- und Frauenpolitik in Deutschland macht da keine Ausnahme. Frauenpolitik besteht im wesentlich daraus, die Frau in den gewerblichen Beruf einzugliedern, Kita-Plätze zu schaffen und mit dem neu geschaffenen Unterhaltsrecht sind fortan alle Frauen, die auf die Ehe vertrauen im Zweifel die Dummen. Wir sollen also Mütter werden, denn der Staat braucht unsere wohlerzogenen Kinder, aber wir sollen um Himmels Willen nicht glücklich damit sein! Da würde uns ja etwas fehlen.

Und so ergießt sich auch die französische Feministin Elisabeth Badinter in ihrem neuen Buch mit dem bedeutungsschwangeren Titel: „Der Konflikt: Die Frau und die Mutter“. Man muss ja immer schon aufhorchen, wenn die „Emma“-Redaktion ein Buch empfiehlt. Nach der Lektüre schwanke ich zwischen Fassungslosigkeit und Erheiterung. So etwas wie Mutterinstinkt existiert demnach nicht und das schlimmste Übel sei das Stillen eines Kindes. Die internationale Still-Gesellschaft „La Leche League“ ist in den Augen Badinters eine nahezu mafiöse Gesellschaft, die sich krakenhaft weltweit ausbreitet und die Frauen indoktriniert und zum Stillen ihres Kindes verleitet, um sie weiterhin in Abhängigkeit und im Patriarchat zu fesseln. Muttersein ist demnach in Ordnung, solange man sich nicht emotional davon tangieren lässt, das Kind möglichst schnell in fremde Kinder gibt, um dann endlich wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Alle paar Seiten musste ich innehalten und habe mich gefragt, warum die Autorin selbst drei Kinder bekommen hat? Als grausiges Experiment? Nahezu erheiternd erscheint dann ihre Sorge, ob die Frauen nach Geburt eines Kindes noch genug sexuelle Lust empfinden, um die Bedürfnisse ihres Mannes zu befriedigen. Waren es nicht einst die Feministinnen, die sich gegen die sexuelle Verfügbarkeit der Frau auch in der Ehe auflehnten? Die sogar die lesbische Liebe propagierten, nur um sich nicht durch den sexuellen Trieb vom Mann abhängig zu machen? Denn schließlich war ja laut Alice Schwarzer jede Penetration automatisch Gewalt. Jetzt sollen wir also Kinder bekommen, uns emotional nicht davon vereinnahmen lassen und unsere Männer sexuell nicht vernachlässigen. Eine erstaunliche Kehrtwende für eine Altfeministin. Mal schauen, was ihr nächstes Jahr Neues einfällt. Das Beispiel zeigt eindrucksvoll: Jede noch so abstruse Forderung ist gut genug, um Frauen ständig im Konflikt zu halten. Was sollen die Feministinnen auch machen, wenn die Frauen plötzlich alle glücklich wären? Ganze Berufszweige stünden vor dem Aus. Also werden wir weiterhin mit ihren Provokationen leben müssen.