Wir nennen es Generationenvertrag

27. Februar 2012
by Webmaster

Natürlich müssen Kinderlose mehr in die sozialen Sicherungen investieren.
Schließlich brauchen wir das Humankapital der Familien.

von Birgit Kelle

Dürfen wir Kinderlose höher zur Kasse bitten als Eltern, die selbst Kinder großziehen? Ja, dürfen wir. Denn ohne diese Kinder der nächsten Generation brechen alle unsere sozialen Sicherungssysteme zusammen. Es profitiert also die ganze Gesellschaft – warum also sollten die Eltern einseitig die Kosten des Systems tragen, den profitablen Nutzen aber mit den Kinderlosen teilen?

Kaum ist der Vorschlag der „Jungen Gruppe“ der CDU-Abgeordneten ausgesprochen, Kinderlose mit einer Sonderabgabe zu belegen, ist die Entrüstung groß. Wieso eigentlich? Wir erlauben uns ja auch sonst Unterscheidung von Besteuerungssätzen je nach Leistungsvermögen oder Familienstatus. Wir fördern Familien, weil es gut investiertes Geld ist und wir ihr Humankapital brauchen. Es grenzt ja schon nahezu an Verzweiflung, wie sehr sich die Familienpolitik bemüht, die Geburtenrate im Land zu erhöhen. Längst hat man dabei das Ideal der traditionellen Familie aufgegeben zugunsten jeder nur erdenklichen Patchwork-Konstellation, Hauptsache mit Kind – und übersieht dabei, dass nach wie vor die meisten Kinder in Deutschland bei verheirateten Eltern wohnen und die meisten Kinder immer noch in der Ehe gezeugt werden. Der Logik der Statistik folgend müsste man also die Menschen zum Heiraten bewegen, damit sie überhaupt und sogar mehr als die üblichen 1,36 Kinder bekommen. Doch wir diskutieren lieber über die Abschaffung des Ehegattensplittings.

Bevor der Aufschrei zu laut wird: Ja, es gibt ungewollt Kinderlose. Aber ob nun gewollt oder ungewollt – auch sie bekommen später ihre Pflege und ihre Rente aus den Händen derjenigen Kinder bezahlt, die sie nicht großgezogen haben. Wir nennen es einen Generationenvertrag, der allerdings nur funktioniert, wenn die nächste Generation auch tatsächlich geboren wird. Kinderlose haben ihr ganzes Leben lang mehr Geld zur Verfügung als Eltern, um sogar noch zusätzlich privat vorzusorgen – was in Familien in der Regel an chronischem Geldmangel scheitert.

Das Münchner Ifo-Institut hat vorgerechnet, dass jedes Kind im Laufe seines Lebens der Gesellschaft einen fiskalischen Vorteil von über 150.000 Euro beschert. Diese Summe werde auch durch alle Leistungen der Gesellschaft an Familien bei Weitem nicht aufgerechnet. Im Gegenzug investieren Eltern für jedes einzelne Kind im Schnitt 120.000, Euro bis es aus dem Haus ist.

Es geht hier weder um „Bestrafung“ von Kinderlosen, noch um „Belohnung“ von Eltern, sondern schlicht und ergreifend um Gerechtigkeit. Es ist doch erstaunlich, dass wir es geschafft haben, innerhalb von vergleichsweise wenigen Generationen ein uraltes System zu pervertieren, in dem Kinderreichtum einst als Alterssicherung galt, während es heute das größte Armutsrisiko darstellt, dem man sich aussetzen kann. Nun, es ist nicht als Naturgewalt über uns gekommen, sondern als Gesetz – das man auch ändern kann.

Für alle Empörten noch der Hinweis: Auch das Bundesverfassungsgericht hat bereits im „Pflegeversicherungsurteil“ 2001 angemahnt, die Beitragssätze für Eltern und Kinderlose im Sinne der Gerechtigkeit unterschiedlich zu berechnen, da Eltern zusätzlich zu ihren Geldzahlungen einen „generativen Beitrag zur Funktionsfähigkeit eines umlagefinanzierten Sozialversicherungssystems leisten“. Man empfahl auch, alle anderen sozialen Sicherungssysteme unter dem gleichen Aspekt zu überprüfen. Leider ist das Urteil nicht das Papier wert, auf dem es verfasst wurde, solange es nicht auch umgesetzt wird.

Mit schönem Gruß an die Kanzlerin: Nein, unser aktuelles System ist nicht alternativlos, es bieten sich viele Möglichkeiten, endlich die Leistung von Eltern angemessen zu berücksichtigen. Man muss es nur wollen.

ursprünglich erschienen bei The European

1 Comment

  • Andreas Huber sagt:

    Nein und ausdrücklich Nein – eine solche Umlage von Kinderlosen auf den Rest jener priveligierten Schicht die es sich leisten kann mehrere Kinder grosszuziehen, würde bei der derzeitigen Familienpolitik kaum in die Taschen derer fliessen, die es benötigen würden. Es soll auch Menschen geben, die gerade in Reaktion auf diese Politik kinderlos geblieben sind. Man kann nicht die Rechnung für die Auswirkungen eines, wie Sie zu recht erkennen, entarteten Zeitgeistes einfach auf die Leidtragenden umlegen. Es sind einfach zu heterogene Ursachen dafür verantwortlich, warum Menschen kinderlos bleiben, als dass man hier einfach mit einem trivialen Umlagesystem ansetzen könnte. Man sollte einfach Geld von sinnlosen Projekten abziehen und nicht mit neuen Steuern und immer noch höheren Belastungen daherkommen, die noch dazu mehrheitlich die Falschen trifft!

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